Trauer verarbeiten

Ich finde der Begriff Verarbeitung klingt zu positiv. Zu einfach. Er klingt wie ein Weg zu einer Lösung. Verarbeitung. Man verarbeitet Holz zu einem Tisch und dann ist er fertig und erfüllt seinen Zweck. Aber mit der Trauer ist das anders. Trauer verarbeiten heißt nicht wirklich, dass man sie auf irgendeinem Wege weg therapiert, dass man ein Trauma unschmerzlich macht oder sich heilt, in dem man es in etwas anderes umwandelt. Holz wird zu einem Tisch, aber Trauer bleibt Trauer.

Wenn man emotional etwas verarbeitet, dann heißt es für mich eher, während der Trauer irgendwas – irgendwas – zu tun, damit man nicht völlig durchdreht. Das nennt man dann Verarbeitung. Die Trauer verändert sich nicht, sie geht auch nicht weg. Irgendwann wird sie vielleicht weniger, aber „Verarbeitung“ ist meiner Meinung nach wirklich ein sehr unpassender Begriff.

Es gibt ja wirklich viele Wege, auf denen man Trauer verarbeiten kann, der ist für jeden ganz individuell. Manche Wege wirken für andere etwas merkwürdig, absonderlich und andere Wege sind eher typisch. Die meisten Verarbeiten wohl etwas, indem sie kreativ werden. Man schreibt und malt und drückt so seine Trauer aus. Aber es gibt sicherlich auch andere Wege, das sind jene, die jeder für sich selbst entdeckt. Ich habe mich jahrelang unter Mützen und großen Pullovern versteckt, weil ich mich so angreifbar und verletzlich gefühlt habe, dass ich mich nur unter dem Schutz einer kuscheligen Kopfbedeckung einigermaßen sicher gefühlt habe. Ich habe mich so gut versteckt wie es ging, sogar unter meinen eigenen Haaren. Ich habe Musik gehört, nicht weil ich sie mochte, sondern weil sie laut genug war, um meine Gedanken zu übertönen. Ich habe gegessen… sehr viel. Und als ich merkte, dass ich dadurch nicht unbedingt weniger sichtbar wurde, sondern im Gegenteil, es plötzlich immer mehr Masse von mir gab, die ich verstecken musste, versuchte ich mich unsichtbar zu hungern. Weg, weg. Weg. Hauptsache weg. Jetzt gerade bin ich mehr da als je zuvor und es tut mir immer noch weh da zu sein. Ich habe überhaupt nichts verarbeitet, ich habe es nur irgendwie hingekriegt nicht völlig durchzudrehen.

Erwachsene Kinder

Ich glaube man wird nicht mit 18 erwachsen. Man wird es auch nicht mit 19 oder 20, es kommt einfach irgendwann. Du weißt es, weil du Jugendliche plötzlich, nicht anders anguckst, aber von einem anderen Ort aus. Man merkt nicht wenn man erwachsen wird, aber man merkt es, wenn man plötzlich an einem anderen Ort ist.

Viele sagen immer, man würde durch einschneidende Erlebnisse früher erwachsen werden. Vielleicht stimmt das, aber ich glaube nicht, dass man reifer wird. Man wird nur erfahrener. Man weiß mehr als die anderen seines Alters, ohne klüger zu sein. Man weiß zu früh zu viel von der Welt. Man weiß das Ende des Buches, ehe man den Prolog überhaupt ganz durchgelesen hat.
Ich weiß vom Tod. Ich weiß wie es ist, wenn er als ein Tsunami durch deinen Körper fegt und nichts als Zerstörung hinterlässt. Wie er zurückkehrt, um sich dafür zu entschuldigen, und du ihm unter Tränen verzeihst, weil er dein einziger Freund ist.

Er drückte mir das Herz zusammen, wenn ich andere Väter mit ihren Kindern sah. Aber er war großzügig. Er schenkte mir Neid und machte mich stark. Er machte mich zu einem Kind, das hassen konnte. Er schützte mich und hielt mich von anderen Menschen fern, damit das nicht nochmal passierte. Er erzog mich dort, wo es mein Vater nicht mehr tun konnte.
Ich habe den Tod in jedem Gesicht gesehen, das dir ähnlich sieht.

Es gibt keine erwachsenen Kinder, aber es gibt Kinder mit der Lebenserfahrung eines Erwachsenen.

Verwandlungen

Ich glaube, Menschen die einsam sind, können auf andere sehr unsympathisch wirken. Ich glaube nicht, dass es damit zu tun hat, dass sie sich vom Wesen her so stark von anderen unterscheiden und einen blöden Charakter haben, aber Isolation einen soweit verändert, dass sich ein Schatten über die eigentliche Persönlichkeit des Menschen legt.

Sie haben feste Abläufe, die selten durch irgendwas und nie durch irgendwen gestört werden. Tut es doch jemand, dann reagieren sie heftig, weil ihre kleine Welt dadurch komplett auf den Kopf gestellt wird.
Sie streiten sich nie mit jemandem über den Abwasch, vermutlich essen sie ihre Mahlzeiten direkt aus dem Topf falls sie mal kochen, weil ein Teller sich nicht lohnen würde. Teller sind zum decken da und decken tut man nur für mindestens zwei Personen. Sie essen direkt aus der Quelle und wenn sie sich daran erinnern, dass Mutti sie früher dafür immer gerügt hatte, dann sticht es kurz in der Brust und sie stellen das essen komplett ein, oder klatschen die Brotscheibe lieblos auf ein Küchenbrett, das sie dann mit an den Schreibtisch nehmen.
Selbst Fernsehen scheint eine Aktivität zu sein, die alleine zu langweilig ist, um ihr Abend für Abend nachzugehen. Sie gehen Hobbies nach, die beschäftigen. Bei denen eine zweite Person ohnehin nur stören würde. Etwas, bei dem man viel denken muss, vielleicht ein Manuskript ohne Ziel beginnen. Weil man eben die nötige Zeit dafür hat, nicht weil man den Traum hat groß rauszukommen. Wenn man sich konzentriert, dann stört sogar das Telefon,auch wenn es nur alle paar Wochen mal klingelt, und man geht dann unfreundlicher ran als man es für gewöhnlich tun würde. Als man es sonst getan hatte.

Sie brauen sich eine Welt, wo es von Vorteil ist, dass man einsam ist. Man macht aus seiner Schwäche eine Stärke, um sich zu schützen. Ich glaube, das kann so richtig ein Problem werden, wenn sie einen stärker macht, als man vermutete. Wie soll man denn eine Stärke wieder zurück in eine Schwäche verwandeln? Und wo kommt man denn nur hin?

Weltraum

Man muss passieren lassen und wachsen lassen. Man muss Raum geben und sich Raum nehmen. Aber ich weiß nicht, worauf ich warte und das einzige was wächst, ist der Raum, in dem nun schon eine ganze Welt Platz hätte. Ich sehe keine Wand mehr, ja nicht mal einen Horizont, es ist mein Weltraum geworden und ich blicke in Schwarz. Ich wusste nicht, dass eine Farbe in den Augen wehtun kann, vielleicht eben deshalb, weil es keine ist, sondern eine Empfindung. Ich suche nach einem Farbtupfer auf Kohlrabenschwarz, ich suche nach Lichtpunkten im Schatten. Nach einem Spektakel im Mysterium.
Ohne Körper gibt es keinen Schatten und deshalb frage ich mich, wer sich die ganze Zeit vor mein Geheimnis stellt, oder ob ich es vielleicht selbst bin, weil ich, ohne es bemerkt zu haben, schon so sehr gewachsen bin, dass ich ein ganzes Universum umarmen könnte.
Eigentlich will ich mich nur an etwas Kleinem erfreuen. Einem Farbklecks in der Ferne. Ich will, dass du die Farbe in meinem Leben bist und dann will ich dich in mir gedeihen lassen. Ich will wenigstens mal soweit kommen, dass ich mit dem Warten anfange, aber in dem Moment müsste ich ja zugeben, dass meine Welt die Hölle ist, und das käme einem Verrat gleich. Ich rede sie mir schön um zu überleben und dann passiere ich mir.

Momentmenschen: Ein Sack voll Liebe

Ich will den gut gemeinten Rat obskurer Leute befolgen. Ich will den Spinnen folgen. Nicht den Schmetterlingen. Ich glaube, in der Luft nichts handfesteres zu finden, als den Grundriss meiner Träume. Nein, nein. Ich will etwas, das ich anfassen kann. Eine Hand. Und dann will ich mich mit dir an den Rand der Stadt wagen, Grenzgang, nachts. Dort, wo man inmitten einer Grünfläche umgeben von einer Reihe Hotels und Gaststätten die ersten Rehe sieht, die einen in der Bewegung erstarrt mit ihren großen, schwarz glänzenden Augen fixieren. Wer zuerst blinzelt.
Ich will mich durchbeißen. Zusammen mit dir durch aus Langeweile geflochtener Lakritzschneckenzöpfe vor dem Fernseher und selbst gebackenem, deformiertem Gebäck am Sonntagmorgen. Weil daraus unser Leben auch besteht. Und wer sich einmal verliebt hat, der weiß, dass Glück durch solche Momente definiert ist. Was wäre das erst für ein Glück, wenn ich so ein Moment für dich wäre? Aber ich bin einfach nur jemand, der in der sechsten Klasse als einziges Mädchen im freiwilligen Physikkurs um 17 Uhr saß, während die anderen mit ihren Freundinnen unterwegs waren. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als einzige fast umfiel, als ein kleines Säckchen Blei durch die Klasse von Schüler zu Schüler geworfen wurde. Auf Klassenreisen war ich das einzige Mädchen, das mit den Jungs Fußball spielen durfte, weil sie es cool fanden, dass ich ein paar Tricks konnte.

Ich war so Vieles in meinem Leben, aber noch nie der Moment. Ich glaube nicht, dass viele Leute vielen anderen solche Momente verpassen. Ich denke, das sind sehr wenige Menschen und das nennt man dann vielleicht Charisma. Aber eigentlich würde mir einer doch schon ausreichen.

Ich will eigentlich bloß, dass mich ein Sack voll Leben nicht umhaut. Ich will, dass mich nichts umhaut, außer die Liebe, die ich in dir vielleicht finde. Wenn ich eines Tages für einen Moment nur irgendein Moment sein dürfte, an den ich mich nicht mal mehr erinnern könnte, dann hätte das Leben schon weitaus mehr Sinn, als wenn ich in der Dauer eines ganzen Lebens nur ein Irgendjemand gewesen wäre, den ich täglich mit aller Kraft versuche zu vergessen.

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Pflasterkinder

This pain will be useful

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Die Luft ist mit Erinnerungen vergiftet. Sie hängen in der Luft wie ein schweres Parfum und haften genauso bitter auf meiner Zunge. Ich kann nicht atmen taumele und falle hin, aber ich klebe mir Pflaster auf die aufgeschürften Knie und laufe weiter.
Für meine Träume scheint jeder Tag zu kurz und mein Körper viel zu schwach für den nur kürzesten Tag. Als Kind habe ich so oft gespielt, dass ich sterbe und jetzt versuche ich zu spielen, dass ich lebe.
Ich habe den Tod in unzähligen Filmen und Serien gesehen, aber wenn du ihn das erste mal flüchtig in einem anderen Menschen siehst, bevor er ihn dir wegnimmt, dann hast du ein paar dringende Fragen an ihn. Obwohl ein Kennenlernen mit dem Tod das wohl letzte ist was man tut, habe ich mir beizeiten nichts sehnlicher herbei gewünscht, als ein Treffen mit ihm. Ich habe in allen Tönen nach ihm gerufen, welche die Hysterie kennt. Habe so laut gefleht, wie meine Erinnerungen stark sind. Und so sehr aufbegehrt, dass meine Lunge drohte zu bersten. Genau wie jetzt.
Aber irgendwann steht er persönlich vor dir und du fragst dich auf einmal, wie man ihn spielen konnte, wo man doch so gar keine Ahnung davon hat, wer er eigentlich ist. Man trifft ihn schließlich zuletzt und keiner der je mit ihm gesprochen hat, kehrt zurück um dir von ihm zu erzählen. Aber ich glaube, dass er mir heute – an einem sehr, sehr langen Tag – geantwortet hat, bevor ich wieder Luft bekam.
„Für manche Träume reicht das Leben nicht aus, aber es gibt noch andere Wege für dich, Pflasterkind.“