„Kannst du mal aufhören die ganze Zeit Reiswaffeln zu essen?!“

fat2.jpg

Advertisements

I feel what only I can feel

Da ist so viel in meinem Kopf. Heute ging es mir so gut, weil eine Nachricht von dir mir den Tag geebnet hatte. Wie ein Steg, auf dem ich balancieren kann, damit alles Böse einfach unter mir vorbeifließt. Ich gebe den schönsten und wundervollsten Menschen einen Laufpass, weil ich nichts fühle. Oder weil du da schon seit einer Ewigkeit drin bist. Ich fühle aber eigentlich nichts, außer Selbsthass und daher will ich die Zeit lieber sinnvoll mit Hungern, Brechen und Sport verbringen, anstatt mit funktionierenden Familien Essen zu gehen und Normalität zu spielen, um eine Schwiegertochter zu werden.
Dein Pullover ist noch bei mir im Wäschekorb und ich vergesse ihn die ganze Zeit zu waschen. Nicht, weil ich an dir festhalte, sondern weil ich es schlichtweg vergesse. Ich möchte, dass es mir Leid tut, aber dann rechne ich im nächsten Moment die Kalorien von 3 Reiswaffeln zusammen. Ich finde meine Brüste zu klein und meine Leggings rutschen, aber ich schäme mich davor raus zugehen, weil ich mich zu dick fühle. Ich kenne meinen Körper in und auswendig, aber ich verschätze mich jetzt wieder mit meinem Gewicht. Es ist weniger als ich vor dem Gang auf die Waage schätze und ich steige mehrmals hintereinander rauf, weil ich es nicht glauben kann.
Ich hatte mir die Haare dunkelblond gefärbt und fühle mich seitdem so nach 2000-Avril, dass ich Let Go seither in Dauerschleife höre. Wieder eine Nachricht von dir und ich tanze sogar zu Nobody’s Home wie zu Flo Rida. Kunden begrüßen mich mit: „du hast aber abgenommen!“ Und Männer, die älter sind als meine Mutter, berühren mich immer noch ungefragt. Ich sollte weiter abnehmen. Allerdings hast du mir gerade gesagt, dass du meine Figur magst und ich weiß überhaupt nicht wie ich es anstellen soll, diese Figur, die du so gerne hast, beizubehalten.
Meine Schwester bekommt ihr drittes Kind, zieht in eine 3 Millionen Euro Villa und ich verschicke das erste mal in meinem Leben ein Bild mit etwas freigelegter Haut an einen Mann, welches ich mit Mitte 20 in meinem Zimmer bei Hotel Mutti mache. Das erste Mal, ist das zu glauben? Vielleicht ist das nicht romantisch, aber ich tue das nur für dich. Aber das weißt du ja nicht und ich werde es dir auch nicht sagen. Vier Reiswaffeln. 104 Kalorien. Ich sitze vor dem Schokomilchreis (262 Kalorien) und versuche ihn mir zu erlauben, aber es geht nicht. Ich esse ihn, aber ich konnte mich nicht davon überzeugen, dass 366 Kalorien für einen Tag immer noch zu wenig für mich sind.
Mein Onkel ist heute um 14 Uhr gestorben und ich versuche, dass es mir Leid tut, dass ich heute so glücklich war, obwohl im selben Moment jemand an einem anderen Ort gestorben ist. Ich fühle nichts. Das einzige was ich fühle, ist Mitleid mit meinen Cousins. Einer von ihnen hatte ihn gefunden. Ich werde ihm in einer Woche schreiben, dass ich für ihn da bin, wenn er reden will. Eine Woche. Weil ich noch ganz genau weiß, dass ich nach einer Woche wie aus dem Nichts eine Wand herbei schwören konnte, die mich von der Realität abgeschirmt hatte. Nach einer Woche konnte ich damals wieder sprechen und lächeln und so tun, als wäre nichts passiert. Warum ich weg war? Ach so! Mein Vater ist gestorben. Lächel. Als wäre man wegen einem Schnupfen verhindert gewesen. Ich wollte so wenig was davon mitkriegen, dass ich sogar leise geweint hatte wenn ich allein war, damit ich meine Trauer nicht mitbekam. Und weil ich nicht zulassen wollte, dass meine Mutter mich traurig sah. Ich schämte mich zu weinen.
Ist das zu fassen? Ich traue mich nicht zu weinen und verschicke bauchfreie Fotos an Menschen, die mir was bedeuten. Ich sollte jetzt ein paar Nüsse essen, damit ich die Figur halte, die du so magst. Dann sollte ich den Pullover rauslegen, damit ich ihn morgen waschen, und dir wiedergeben kann. And I should be sorry. Schubs mich nicht ins dunkle Wasser. Fühlen. 366. Muss Sport machen. Das Problem ist, Hässlichkeit kann man nicht weghungern.

 

Take a look at me
And you’ll see I’m for real
I feel what only I can feel
And if that don’t appeal to you
Let me know
And I’ll go

 

Unicorns are real

Ich weiß nicht mehr wie essen geht. Als ich es heute Abend vortäuschen wollte, vergaß ich sogar die Gabel auf den Teller zu legen, mit der man üblicherweise Nudeln isst.
Ich habe genug Geld um regelmäßig shoppen zu gehen. Da ich früher nie viel Geld hatte, hatte ich in der Hinsicht alles nachgeholt. Ich war einen Tag durch die Stadt gelaufen und hatte mir alles gekauft was mir gefiel. Das Wochenende darauf tat ich das gleiche. Und danach gleich nochmal. Ich kaufte mir sogar teure Uggs, weil ich sie früher immer haben wollte, aber nie bekommen hatte. Ich war deswegen nicht sauer auf meine Mutter, niemals, aber ich war immer so neidisch auf die hübschen und dünnen Mädchen in ihren schönen Schuhen.
Nicht, dass mir Shoppen jetzt so gar keinen Spaß mehr bringt, aber ich habe jetzt einfach genug. Ich habe von vielen Dingen viel und unter diesen vielen Dingen sind sehr schöne Sachen dabei und auch qualitativ hochwertigere, als es bei Saisonklamotten der Fall ist. Es gibt mir nicht mehr viel. Je mehr Geld man hat, umso weniger freut man sich eigentlich über das gekaufte. Bei mir ist es so, dass ich mich zwar immer genauso sehr über etwas gefreut habe was neu war, aber die Freude darüber hält nicht mehr so lange an. Früher habe ich mich sogar über eine 5 Euro Leggings gefreut und war ernsthaft bedrückt, als sie nach einigen Monaten in Dauerbetrieb kaputt ging. Das ist jetzt anders. Das heißt nicht, dass ich viel Geld habe, ich habe nur regelmäßig was zum Ausgeben und das hatte ich nie. Ich habe mir oft gewünscht, dass ich mehr Geld zur Verfügung hätte, aber der Wunsch nach Materiellem hat mich nie aus meiner Höhle raus getrieben, um sich einen Nebenjob klar zumachen. Es ging mir psychisch zu schlecht und es war mir zu unwichtig. Trotzdem hätte ich mir eine größere Veränderung des Lebensgefühls von so rapide ansteigender Lebensqualität gewünscht, aber das wird nicht mehr passieren, das weiß ich. Es gibt mir zu wenig. Ich gebe mich mit so viel weniger zufrieden. Luxus ist, wenn man Überfluss hat, also wenn man sozusagen „zu viel“ hat. Ich habe in dem Sinne zu viel, als dass ich mehr habe, als ich eigentlich brauche, und das gibt mir nichts. Ich bin glücklicher wenn ich habe, was ich brauche. So gibt es sich auch mit Freunden. Ich habe lieber wenig. Deswegen gehe ich auch nicht mehr viel Quatsch einkaufen.
Trotzdem war ich heute wieder shoppen, doch jetzt tue ich es deswegen, weil mir meine BH’s zu groß sind und ich nur einen A-BH habe. Ich habe mir heute einen sehr schönen A-BH gekauft und er passt wie angegossen. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das freut oder nicht. Als nächstes brauchte ich eine neue Hose und schnappte mir zwei in Größe 34, weil mir 36 vom Popo rutscht. Ich hatte damit gerechnet, dass ich kaum reinpasse, aber auch sie sitzt wie angegossen, fast zu locker, und ich weiß eigentlich nicht wann das passiert ist.

IMG_20171024_162409_490.jpg

Buch: Vaterlos

Ich lese gerade das Buch Vaterlos von Denna D. Babul. Ich muss es vorsichtig lesen, deswegen geht es nur langsam voran, aber ich habe schon einen ersten Eindruck bekommen. Erstmal finde ich es gut, dass es überhaupt so ein Buch gibt! Ich habe es gekauft, um mich selber vielleicht ein bisschen mehr zu verstehen.
Es ist interessant, man findet eigentlich auch zu allen Situationen was, aber leider eben nur ganz grob. Es ist informativ, aber das meiste davon weiß man bereits und natürlich wird überwiegend auf Scheidungskinder eingegangen und zu meinem speziellen Fall (Verlust des Vaters durch Suizid) gab es nur einen kleinen Absatz, wo man über Depressionen aufgeklärt wurde und zur Suizidprävention auf ein paar Notfall Hotlines verwiesen wurde.
Das fand ich ein bisschen schade.
Was ich bisher ganz gut fand ist, dass beschrieben wird, wie die Kinder in verschiedenen Aktergruppen mit dem Verlust umgehen.

Wenn ich das Buch irgendwann mal zu Ende lesen werde, dann schreibe ich auch eine richtige Rezension. 🙂

Trauer verarbeiten

Ich finde der Begriff Verarbeitung klingt zu positiv. Zu einfach. Er klingt wie ein Weg zu einer Lösung. Verarbeitung. Man verarbeitet Holz zu einem Tisch und dann ist er fertig und erfüllt seinen Zweck. Aber mit der Trauer ist das anders. Trauer verarbeiten heißt nicht wirklich, dass man sie auf irgendeinem Wege weg therapiert, dass man ein Trauma unschmerzlich macht oder sich heilt, in dem man es in etwas anderes umwandelt. Holz wird zu einem Tisch, aber Trauer bleibt Trauer.

Wenn man emotional etwas verarbeitet, dann heißt es für mich eher, während der Trauer irgendwas – irgendwas – zu tun, damit man nicht völlig durchdreht. Das nennt man dann Verarbeitung. Die Trauer verändert sich nicht, sie geht auch nicht weg. Irgendwann wird sie vielleicht weniger, aber „Verarbeitung“ ist meiner Meinung nach wirklich ein sehr unpassender Begriff.

Es gibt ja wirklich viele Wege, auf denen man Trauer verarbeiten kann, der ist für jeden ganz individuell. Manche Wege wirken für andere etwas merkwürdig, absonderlich und andere Wege sind eher typisch. Die meisten Verarbeiten wohl etwas, indem sie kreativ werden. Man schreibt und malt und drückt so seine Trauer aus. Aber es gibt sicherlich auch andere Wege, das sind jene, die jeder für sich selbst entdeckt. Ich habe mich jahrelang unter Mützen und großen Pullovern versteckt, weil ich mich so angreifbar und verletzlich gefühlt habe, dass ich mich nur unter dem Schutz einer kuscheligen Kopfbedeckung einigermaßen sicher gefühlt habe. Ich habe mich so gut versteckt wie es ging, sogar unter meinen eigenen Haaren. Ich habe Musik gehört, nicht weil ich sie mochte, sondern weil sie laut genug war, um meine Gedanken zu übertönen. Ich habe gegessen… sehr viel. Und als ich merkte, dass ich dadurch nicht unbedingt weniger sichtbar wurde, sondern im Gegenteil, es plötzlich immer mehr Masse von mir gab, die ich verstecken musste, versuchte ich mich unsichtbar zu hungern. Weg, weg. Weg. Hauptsache weg. Jetzt gerade bin ich mehr da als je zuvor und es tut mir immer noch weh da zu sein. Ich habe überhaupt nichts verarbeitet, ich habe es nur irgendwie hingekriegt nicht völlig durchzudrehen.

Erwachsene Kinder

Ich glaube man wird nicht mit 18 erwachsen. Man wird es auch nicht mit 19 oder 20, es kommt einfach irgendwann. Du weißt es, weil du Jugendliche plötzlich, nicht anders anguckst, aber von einem anderen Ort aus. Man merkt nicht wenn man erwachsen wird, aber man merkt es, wenn man plötzlich an einem anderen Ort ist.

Viele sagen immer, man würde durch einschneidende Erlebnisse früher erwachsen werden. Vielleicht stimmt das, aber ich glaube nicht, dass man reifer wird. Man wird nur erfahrener. Man weiß mehr als die anderen seines Alters, ohne klüger zu sein. Man weiß zu früh zu viel von der Welt. Man weiß das Ende des Buches, ehe man den Prolog überhaupt ganz durchgelesen hat.
Ich weiß vom Tod. Ich weiß wie es ist, wenn er als ein Tsunami durch deinen Körper fegt und nichts als Zerstörung hinterlässt. Wie er zurückkehrt, um sich dafür zu entschuldigen, und du ihm unter Tränen verzeihst, weil er dein einziger Freund ist.

Er drückte mir das Herz zusammen, wenn ich andere Väter mit ihren Kindern sah. Aber er war großzügig. Er schenkte mir Neid und machte mich stark. Er machte mich zu einem Kind, das hassen konnte. Er schützte mich und hielt mich von anderen Menschen fern, damit das nicht nochmal passierte. Er erzog mich dort, wo es mein Vater nicht mehr tun konnte.
Ich habe den Tod in jedem Gesicht gesehen, das dir ähnlich sieht.

Es gibt keine erwachsenen Kinder, aber es gibt Kinder mit der Lebenserfahrung eines Erwachsenen.